19
Jul

Werra – Meißner…was? – Abenteuerurlaub im nordhessischen Bergland

Ich starre auf den 10 cm breiten Holzpfahl, der zur nächsten Plattform führt. Über mir schaukelt ein verstärktes Seil, das Halt geben soll und unter mir steht der Kletterwald-Guide Max und schaut aufmunternd bis auffordernd. Ich traue mich nicht!

Eben ist meine 10jährige Tochter mit schlafwandlerischer Sicherheit hinüberbalanciert. Dabei ist das hier erst die Einweisung. Der Guide telefoniert mit der Chefin und schüttelt den Kopf. Wenn ich da nicht hinüberkomme, wird es nichts mit unserem Hochseilgarten-Abenteuer.  Ich beiße die Zähne zusammen und laufe los.

Wie ich darauf gekommen bin, mich am Eschweger Leuchtberg in diese Situation zu bringen und im Werra-Meißner-Kreis gleich eine ganze Woche Urlaub zu machen? Ich bin hier aufgewachsen. Nach 25 Jahren München hatte ich plötzlich Sehnsucht nach einem ausgedehnten Aufenthalt auf der heimischen Scholle. Sie wissen nicht, wo der Werra-Meißner-Kreis liegt? Da sind Sie in guter Gesellschaft. Dieses hübsche Fleckchen Erde befindet sich inmitten satter Laubwälder, sanfter Hügellandschaften und ruhig fließender Gewässer im Dreieck zwischen Kassel, Göttingen und Eisenach. Früher führte hier die “Zonengrenze” so dicht vorbei, dass man die Wachleute mit ihren Hunden sehen konnte. Mittlerweile ist die verschlafene Region recht munter geworden und das Angebot so gut, dass einem Abenteuerurlaub “light” mit Mann, Kind und Hund nichts im Wege steht.

Nachdem ich den ersten Schock verwunden  habe, mache ich mich auf zur Kletterroute 1. Der “Flug” am Flying Fox ist schon eher mein Ding, und tatsächlich meistere ich den nächsten runden Holzpfahl deutlich souveräner. Schwankende Holzscheiben und -pflöcke, wild hin und her schwingende Planken, ein gespanntes Nylonnetz – keine unbezwingbaren Hindernisse mehr für mich. Trotzdem schmerzen meine Armmuskeln nach der Einsteigertour.  Dankend verzichte ich auf die Routen 2 und 3, genieße den ausklingenden Adrenalinkick und beschaue mir die Kletterer in luftigeren Höhen gemütlich bei einer Apfelschorle. Der Kletterwald wird übrigens von netten Jungs und Mädels gemanagt, die sehr professionell einweisen und auch immer mal nach dem Rechten schauen, wenn solche Newbies wie wir unterwegs sind. Wer erst einmal schnuppern möchte, zahlt moderate 5 Euro pro Person, am Freitag ist Familientag (www.kletterwald-leuchtberg.de).

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Kletterwald Leuchtberg

Unser nächstes Abenteuer führt uns aufs Wasser. Ich erinnere mich an einen alten in Kindertagen gelernten Reim: “Wo Werra sich und Fulda küssen und ihre Namen büßen müssen,  da entsteht durch diesen Kuss, deutsch bis zum Meer der Weser-Fluss”. Verewigt auf dem sogenannten Weser-Stein aus dem Jahre 1899. Bis zur Weser kommen wir zwar nicht, aber wir haben gehört, dass es sich auf der Werra schön paddeln lässt. Daher mieten wir bei strahlendem Sonnenschein einen 3er Kanadier, hieven ihn mit vereinten Kräften ins Wasser und haben den Bogen ruckzuck heraus.  Unsere Kleine paddelt fleißig mit und vergisst auch nicht, Mama vorne und Papa hinten gelegentlich zu begießen. Uns führt die beschauliche Strecke von Wanfried nach Eschwege. Rechts und links ermöglichen Anlegestellen Sonnenpausen und Einkehrschwünge, u.a. kurz vor Ende der Tour am Felsenkeller (von dort startet man auch zum Kletterwald). Wer nass werden will, muss sich einfach nur zu weit herauslehnen, sonst ist das Kanu wunderbar stabil und bequem. Ein Bad in der Werra empfiehlt sich allerdings nicht unbedingt. Der Kali-Abbau leitet nach wie vor Salze in den Fluss. Nun scheint eine Lösung gefunden worden zu sein, die die Werra allerdings erst in geraumer Zukunft salzfrei machen wird. Unserer schönen Paddeltour tut das keinen Abbruch, und die Füße kann man ruhig mal ins Wasser hängen. Zum Baden empfiehlt sich stattdessen ein Besuch des benachbarten Werratalsees. Der Baggersee bietet neben Möglichkeiten zum Surfen, Segeln und Kanufahren, auch zwei vom DLRG bewachte Sandstrände, einen Campingpark und mit der “Werranixe” sogar ein Ausflugsboot, das regelmäßig seine Runden dreht. Selbstverständlich sind auch längere bzw. mehrtägige Kanutouren möglich, z.B. ab Trefffurt, wo man vom Boot aus 100m hohe Muschelkalkfelsen bestaunen kann oder bis ins Kurstädtchen Bad Sooden-Allendorf mit seiner schönen Fachwerk-Architektur (http://www.werra-kanu.de/startseite/).

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Kanutour auf der Werra

Bei einem richtigen Abenteuerurlaub darf selbstverständlich der Besuch einer der vielen Burgen nicht fehlen. Der Premium-Wanderweg Nummer 18 führt geradewegs zur Tannenburg bei Nentershausen. Laubwälder wechseln sich mit schönen Ausblicken,  von der Hohen Süß (454m ü. NHN) bei guter Fernsicht bis zur Wartburg, ab.  Wir sind im Frühsommer unterwegs und treffen einen anderen Wanderer, der eifrig am Wegesrand erntet. Als wir die grünen Blätter zwischen den Fingern zerreiben,  steigt uns zarter Waldmeistergeruch in die Nase. Leider wird nichts aus der Bowle. Der Herr warnt: sobald Waldmeister blüht, ist er giftig. Dafür hat er einen guten Tipp parat: getrocknet und auf den Kleiderschrank gelegt, schreckt er die Stechmücken ab. Nach einem kurzen Anstieg erreichen wir die Tannenburg. Erhalten sind noch große Teile der Kernburg, des Wirtschaftshofes und einige der Umfriedungsmauern. Ein Wirtshaus mit “mittelalterlichen” Speisen und entsprechend gekleidetem Personal, ein Burgladen “mit allerlei Tand”, ein schöner Kräutergarten, die Eselei sowie historisches Bogenschießen mit dem Langbogen (von März bis Oktober, 13-15 Uhr) und die anschließende Burgführung halten Eltern wie Kinder bei Laune. Gruselig ist der Gang mit einer Laterne durchs dunkle Kellergewölbe (http://www.tannenburg.de/).

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Tannenburg – Premiumwanderweg Nr. 18

Wer sich beim Wandern umsieht, findet am Weg zahlreiche Spuren aus der Bergbauära der Region. Hier wurden gut 500 Jahre lang Kupferschiefer, Kobalt, Nickel und Schwerspat abgebaut. Ein Zeitzeuge ist die Grube Gustav nahe des Dorfes Abterode, wo bis Ende der 60iger Jahre unter Tage gearbeitet wurde. Im Gegensatz zu vielen hergerichteten “Schaubergwerken” befinden sich die Stollen weitgehend in ihrem ursprünglichen Zustand. Bei konstant 10 Grad befällt uns eine zusätzliche Gänsehaut, wenn Peter Ströhlein, unser Führer, von den Arbeitsbedingungen dort erzählt. Nur knapp 30 Jahre sind die Bergleute damals geworden. Meist sind sie an der Staublunge zugrunde gegangen. Da die Flöze oft schmal waren und im Liegen gearbeitet wurde, wurden Kinder bereits im Alter von 8 Jahren für die schwere Arbeit mit Hammer und Meißel eingesetzt. Unsere Zehnjährige erschrickt. Da hätte sie doch schon zwei Jahre in dieser kalten, dunklen Umgebung arbeiten müssen und ist zum ersten Mal richtig froh, zur Schule gehen zu dürfen. Peter Ströhlein drückt ihr Eisen und Hammer in die Hand. Es ist ganz schön schwer, damit den Stein loszuschlagen.

Grube Gustav

Grube Gustav

Wir blicken in tiefe, mit Wasser gefüllte Schächte, raten, wie viel Schwerspat in einen der Behälter passt (es sind 1,3 Tonnen – wir liegen voll daneben) und erfahren vom Grubenunglück im Jahr 1957, als zwei Bergleute fünf Tage eingeschlossen waren und in einer dramatischen Aktion nahezu unverletzt gerettet wurden. Mit der sogenannten Dalbusch-Bombe, einem handgefertigten Rettungsschlitten, konnte man die Bergleute nach draußen schaffen. Einer der Bergmänner war kräftig gebaut und musste anschließend aus dem Schlitten förmlich herausgeschnitten werden (http://www.grube-gustav.de). Irgendwie sind wir ein bisschen erleichtert, als wir wieder in der Sonne stehen. Abenteuer zu Wasser, auf und unter der Erde und sogar in der Luft hatten wir jetzt genug. Zeit, mal wieder etwas total Harmloses zu machen, zum Beispiel Minigolf spielen und Eis essen.

Interessante Termine rund um das Werratal

Open Flair Eschwege: 9.-14. August 2017 (http://www.open-flair.de/)

Märchenwoche Bad Sooden-Allendorf, 16.-23. April 2017 (www.maerchenwoche.de)

Kesperkirmes Witzenhausen im Juli (http://www.kesperkirmes.de/)

 

Was wir sonst noch empfehlen können:

Eisdiele am unteren Ende der Eschweger Fußgängerzone -Vian

Schwimmbad Espada in Eschwege – Rutsche mit Zeitmessung, eine weitere für kleinere Kinder

Delikatesse aus der Region: Ahle Worscht aus der Metzgerei Rupsch in Abterode

Kleiner Abstecher: Klosterruine in Abterode: den Baum mitten in der Klosterruine und die uralten Grabsteine anschauen

Grenzmuseum Schifflersgrund in Asbach-Sickenberg (www.grenzmuseum.de/)

Stoppomat in Abterode für Rennradbegeisterte (http://www.nordhessen.de/de/stoppomat-die-bergzeitstrecke-im-werratal)

Comments ( 2 )
  • Michael Ritter says:

    Hallo Frau Dexel, da werde ich in Facebook darauf aufmerksam gemacht, dass Ihre Netzwerk-Kollegin Andrea Peters Geburtstag hat, gratuliere, schaue mir Ihre Website an und finde Ihren spannenden Beitrag über unsere gemeinsame Heimat. Vielleicht sollte ich auch mal wieder einige der Abenteuer vornehmen, die Sie dort erlebt haben. :-)
    Beste Grüße nach München
    Michael Ritter

    • Alexandra Dexel says:

      Lieber Herr Ritter, vielen Dank! Ja, Nordhessen ist aus seinem Dornröschenschlaf mittlerweile erwacht. Dann freue ich mich auf den Bericht über Ihre Abenteuer. Wir werden unsere Entdeckertour bei Gelegenheit sicher fortsetzen! Herzliche Grüße, Alexandra Dexel

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